Fishbowl in Retrospektive zu Verhalten im Team einsetzen

Ich verwende in meinen Team-Retrospektiven zumeist die von Esther Derby und Diana Larsen in Ihrem Buch Agile Retrospectives: Making Good Teams Great vorgeschlagene Strukturierung in die sechs Phasen Intro, Set The Stage, Gather Data, Generate Insights, Decide What To Do und Closing.

Für die Phase Generate Insights war ich kürzlich auf der Suche nach einem Werkzeug, das eine effiziente Bearbeitung von sehr emotionalen Themen ermöglicht.

Ausgangssituation

Bereits im Laufe des Sprints wurde ich von einzelnen Mitgliedern des Teams darauf angesprochen, dass einige Verhaltensweisen im Team zusehends als anstrengend und aufreibend empfunden werden. Genannt wurden beispielsweise das, die geistige Ausklinken aus Meetings durch Verwenden des eigenen Smartphones oder das vorzeitige Verlassen des Daily Scrum.

Mir war bereits bekannt, dass diese Verhaltensweisen bei einigen Leuten einen wunden Punkt treffen, und das dazu innerhalb des Teams durchaus unterschiedliche Sichtweisen bestehen, die in der Vergangenheit auch schon sehr kontroversiell diskutiert wurden, ohne dabei aber zu einem für alle Teammitglieder befriedigenden Ergebnis zu kommen.

Ich ging also davon aus, dass in der Retrospektive durchaus emotional aufgeladen diskutiert werden würde. Aus diesem Grund habe ich mich auf die Suche nach einem Werkzeug gemacht, dass diese Emotionen durchaus zulässt, die Teilnehmer aber trotzdem konstruktiv und wertschätzend an einer Lösung arbeiten lässt.

Von einem guten Freund bin ich schon vor längerer Zeit – in einem ganz anderen Kontext – auf das Werkzeug Fischbowl aufmerksam gemacht worden. Ich hatte mich nun daran erinnert und nach etwas Internetrecherche ein Abwandlung ausfindig gemacht, die meinen Anforderungen zu entsprechen schien, die Samoa Fishbowl.

Samoa Fishbowl

Die Samoa Fishbowl ist eine Abwandlung der klassischen Fishbowl. Sie ergänzt die klassische Form um Regeln, wie Teilnehmer zwischen dem Innenkreis (Diskussion) und dem Außenkreis (Beobachtung) wechseln können.

Die Samoa Fishbowl in einer agilen Retrospektive

Hier kurz und bündig zusammengefasst die wesentlichen Regeln, bereits von mir adaptiert für die Anwendung in einer Retrospektive:

  • Räumliche Anordnung
    • Innerer Stuhlkreis, evtl. mit kleinem Tisch in der Mitte: 3 Stühle
    • Äußerer Stuhlkreis: für alle übrigen Teilnehmer
  • Vorgehen
    • Moderator wählt initial drei Start-Teilnehmer für den Innenkreis.
    • Teilnehmer im Innenkreis diskutieren die Beobachtungen aus der letzten Phase (Gather Data):
      • Eigene Wahrnehmungen äußern
      • Ideen für Maßnahmen äußern
      • Fragen stellen
    • Teilnehmer im Innenkreis wechseln mit der Zeit.
    • Teilnehmer im Außenkreis und Moderator beobachten, machen sich Notizen.
      • Wichtige Beobachtungen, Erkenntnisse können auf Moderationskarte notiert und auf Pinwand gegeben werden.
      • Pinwand unterteilen in Erkenntnisse und Ideen für Maßnahmen.
  • Regeln für den Wechsel im inneren Stuhlkreis
    • Man darf so lange bleiben, wie man etwas zur Diskussion beizutragen hat.
    • Man darf jederzeit aus dem inneren Kreis rausgehen.
    • Wenn jemand in den inneren Kreis möchte, an den Tisch stellen und warten, bis ein Platz frei wird.
    • Wenn jemand einem bestimmten Teilnehmer im inneren Kreis was sagen möchte, stellt er sich hinter diesen und signalisiert so den anderen Innenkreisteilnehmern, dass er einen ihrer Plätze haben möchte.
    • Auch der Moderator kann im gleichen Modus an Diskussion im Innenkreisteilnehmen.
  • Ende
    • Nach einer vorgegebenen Zeit, z.B. nach 45 Minuten.

Konkreter Einsatz in der Retrospektive

Als Diskussionsgegenstand für die Samoa Fishbowl habe ich das Ergebnis der Phase Gather Data festgelegt. Im konkreten Fall war dies ein Ergebnisposter der Übung Verhaltensweisen im Team (siehe z.B. Kapitel 9.13 im Buch Retrospektiven in agilen Projekten von Judith Andresen), auf dem von den Teammitgliedern beobachtete Verhaltensweisen gesammelt und in die Rubriken Starten, Stoppen, Mehr davon, Weniger davon sowie So belassen geclustert wurden.

Die Initialteilnehmer für den Innenkreis musste ich nicht selbst festlegen, es gab hier drei Teammitglieder, die sich freiwillig gemeldet haben.

Die Diskussion im Innenkreis war zum Teil lebhaft, jedoch nie angriffig oder persönlich verletzend.

Der Wechsel der Teilnehmer zwischen Innen- und Außenkreis hat gut funktioniert, vor allem über die aktive „Anmeldung“ von Teilnehmern aus dem Außenkreis.

Die Teilnehmer im Außenkreis beobachteten sehr konzentriert und hefteten immer wieder Moderationskärtchen mit Erkenntnissen und Lösungsideen an die Pinwand.

Die Zeit war mit 45 Minuten für mein eher großes Team (9 Teilnehmer an der Retrospektive) eher knapp bemessen, aber vertretbar.

Die Pinwand mit den gesammelten Erkenntnissen und Lösungsideen wurde vom Team danach als Ausgangspunkt für die nächste Phase Decide What To Do eingesetzt.

Resümee

Ich bin mit dem Ablauf und dem Ergebnis der Samoa Fishbowl sehr zufrieden. Meine Einschätzung wurde mir auch durch entsprechende Rückmeldungen von Teammitgliedern in der Phase Closing, aber auch später nach der Retrospektive bestätigt:

  • Durch die Einschränkung auf drei Personen in der aktiven Diskussion hatten alle Teammitglieder gleiche Chancen für das Einbringen ihrer Argumente; auch eher introvertierte Teilnehmer haben sich ausführlich an der Diskussion beteiligt.
  • Die Teilnehmer im Innenkreis haben eine sehr zivilisierte Diskussion geführt. Obwohl die Emotionen im Raum durchaus spürbar waren, kam es kein einziges Mal zu persönlichen Angriffen. Meiner Vermutung nach hat das etwas mit dem Gefühl der Innenkreisteilnehmer zu tun, unter Beobachtung der Kollegen im Außenkreis zu stehen.
  • Durch den Auftrag, Erkenntnisse und Lösungsideen zu sammeln, die entweder im Innenkreis geäußert wurden, oder bei den Teilnehmern im Außenkreis selbst entstehen, waren auch die Teilnehmer im Außenkreis stark fokussiert.
  • Am Ende der Fishbowl war eine Vielzahl an Erkenntnissen und Lösungsideen auf der Pinwand notiert, welche als idealer Ausgangspunkt für die anschließende Phase Decide What To Do verwendet werden konnte.

2 Kommentare

  1. Manuela Grundner Donnerstag, 20. März 2014 Antworten

    Hallo Gregor,

    Ich finde es spannend und auch mutig, den Fishbowl aus der „Spielwiese“ Training und Teamcoaching herauszulösen und in der Retrospektive einzusetzen. Gerade im Meeting ist eine andere Form der Diskussion eher selten anzutreffen. Ich glaube mit deiner Erfahrung in der Teamentwicklung kannst du aus einen reichhaltigen Methodenkoffer wählen oder aus anderen Koffern ausborgen 😉 Was ist aber wenn der Scrum Master keine tieferen Kenntnisse in der Moderation oder mit Kommunikationstools hat? Wieviel Anleitung, Training oder sonstige Unterstützung im Vorfeld könnte es brauchen damit eine Methode wie Fishbowl in einem Team eingesetzt werden kann?

    herzliche Grüße
    Manuela

    • Autor
      Gregor Karlinger Freitag, 21. März 2014 Antworten

      Hallo Manuela,
      danke für die Blumen 🙂
      Zu Deiner Frage: Ich denke, ein Scrum Master sollte sich im Laufe der Zeit gute Kenntnisse in Moderation und zu Moderationswerkzeugen erarbeiten. Letztendlich gilt auch dort das agile Motto: Inspect and Adapt! Also Werkzeuge einsetzen, beobachten was funktioniert und was nicht, anpassen.
      Liebe Grüße, Gregor

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