Clear The Air – Der Kulturansatz zur Konfliktklärung

Gregor hat gerade eine intensive, mehr als einjährige Ausbildung zum Clear The Air Facilitator abgeschlossen. In diesem Beitrag erklärt er, was Clear The Air ist, warum er diesen Ansatz als so wertvoll empfindet und wie man als Organisation beginnen könnte, nach diesem Ansatz Konfliktklärung systematisch in den unternehmerischen Alltag zu integrieren.

Was genau ist Clear The Air (CTA)?

Clear The Air ist ein methodischer Ansatz, um einen positiven Zugang zu Konflikten und ihrer regelmäßigen, frühzeitigen Klärung in der Organisation(s)kultur zu verankern.

Vision

Die Vision von Clear The Air könnte man so zusammenfassen:

  1. Alle zwischenmenschlichen Spannungen und Konflikte in der Organisation werden zeitnahe angesprochen und zur Zufriedenheit aller geklärt.
  2. Alle Menschen in der Organisation können zugewandt und empathisch miteinander in Kontakt sein – egal ob sie gerade Konflikte miteinander haben oder nicht.

Haltung

Clear The Air fußt in Haltung und grundlegender Methodik auf dem Zugang der Gewaltfreien Kommunikation (Non-Violent Communication) nach Marshall Rosenberg.

Die Haltung des Ansatzes lässt sich am besten an Hand der Konsequent Positiven Unterstellung zusammenfassen:

Alles menschliche Verhalten ist durch positive, universelle Bedürfnisse motiviert.

Wir gehen davon aus, dass es für jedes Verhalten “gute Gründe” gibt, und jeder Mensch das Beste tut, das ihm angesichts seiner Ressourcen gerade möglich ist, um für menschlich nachvollziehbare Bedürfnisse zu sorgen.

Als Bedürfnisse bezeichnet werden dabei abstrakte, universelle Qualitäten, die alle Menschen für ein gutes Leben brauchen, und die daher grundsätzlich positiv assoziiert sind. Beispiele für Bedürfnisse sind etwa Selbstbestimmung, Verbundenheit, Unterstützung, Entwicklung, Sicherheit, Zugehörigkeit oder Wirksamkeit.

Clear The Air: Beobachtung - Gefühl - Bedürfnis - Bitte

Grundlegende Methodik

In seiner grundlegenden Methodik verwendet Clear The Air das sprachliche Schema von Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte aus der Gewaltfreien Kommunikation:

Beobachtungen: Um eine als konflikthaft empfundene Situation so anzusprechen, dass  das Gegenüber das Gesagte auch hören kann, ist es wichtig, bei konkret Beobachtbarem zu bleiben. Im Gegensatz zu Interpretationen oder gar Bewertungen, Abwertungen und Schuldzuweisungen macht es die Schilderung von Beobachtungen für den Anderen möglich, sich mit dem Gehörten auseinanderzusetzen. (Beispiel: “Während ich dir geschildert habe, was ich gestern an unserem Projekt gearbeitet habe, hast du deine Unterlagen sortiert und mehrmals in dein Handy geschaut.”)

Bedürfnisse: Als Gründe, warum eine Person eine Situation oder ein Verhalten einer anderen Person als Spannung oder Konflikt wahrnimmt, sieht Gewaltfreie Kommunikation und auch Clear The Air wichtige Bedürfnisse, die in dieser Situation oder durch das Verhalten des anderen gerade nicht erfüllt sind.

Gefühle: Der Schlüssel, um zu diesen unerfüllten Bedürfnissen vorzudringen, sind dabei oft die in dieser Situation empfundenen Gefühle. Wenn ich mir Zugang zu meinen Gefühlen verschaffe, die ich in der konflikthaften Situation empfinde, gelingt es mir leichter, die dahinter liegenden Bedürfnisse zu erkennen. (Beispiel: “Dein Verhalten hat mich in diesem Moment irritiert und geärgert (Gefühle). Mir ist es wichtig, dass du meine Beiträge für das Projekt siehst, und ich möchte dazugehören zum Team, das dieses Projekt  bearbeitet (Bedürfnisse).”)

Bitte: Im Anschluss an die Schilderung der eigenen Beobachtungen, der dadurch ausgelösten Gefühle sowie der dahinter liegenden, unerfüllten Bedürfnisse ist es möglich, eine Bitte an das Gegenüber zu formulieren. Die Bitte kann unterschiedlicher Natur sein: Es kann sich etwa um eine verbindungsfördernde Bitte handeln (“Wie geht es dir damit, das zu hören?”) oder um eine konkrete Handlungsbitte (“Ich bitte dich, dass du dir einmal in der Woche 20 Minuten Zeit nimmst, in denen ich deine ungeteilte Aufmerksamkeit bekomme, um dir von meinen Arbeiten am Projekt berichten zu können.”).

Herangehen an Konflikte

Die Grundidee zum Herangehen an Konflikte auf dem Fundament der Gewaltfreien Kommunikation möchte ich so zusammenfassen:

Alle an einem Konflikt beteiligten Personen versuchen grundsätzlich, für die Erfüllung menschlich nachvollziehbarer Bedürfnisse zu sorgen. Der Konflikt entzündet sich meistens daran, dass die jeweils von den Personen verfolgten Strategien in der konkreten Situation nicht zueinander passen. Die Erfüllung der dahinter liegenden Bedürfnisse würden sich die Personen einander durchaus zugestehen.

Ziel ist es also, ein Gesprächsklima zu schaffen, in dem die Personen alternative Strategien aushandeln, die möglichst alle diese Bedürfnisse gut erfüllen lassen.

Was unterscheidet Clear The Air von einem GFK-Training?

Nach meinen bisherigen Ausführungen könnte man (zugespitzt) glauben, bei Clear The Air gehe es lediglich darum, alle Mitglieder der Organisation in gewaltfreier Kommunikation zu schulen. In diesem Abschnitt lege ich deshalb dar, was Clear The Air auf dem Fundament der Gewaltfreien Kommunikation versucht aufzubauen.

Eingangs habe ich davon gesprochen, dass Clear The Air ein methodischer Ansatz ist, um die Klärung von Konflikten positiv zu konnotieren und strukturell in der Organisation zu verankern. Als Frage könnte man also formulieren: “Was kann ich in meiner Organisation tun, damit die Klärung von Konflikten als positiv und erstrebenswert empfunden wird?”

Ansetzen auf unterschiedlichen Ebenen

Clear The Air versucht, regelmäßige Formate auf unterschiedlichen Ebenen der Organisation zu etablieren:

Individuum: Auf dieser Ebene geht es darum, sich regelmäßig in Selbstreflexion und Selbstcoaching mit Situationen auseinanderzusetzen, die als konflikthaft erlebt werden. Durch niederschwellige Übungen lernen die Menschen, klar zwischen Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden, sich über die eigenen Gefühle in der Situation bewusst zu werden und die Bedürfnisse zu benennen, die da zu kurz gekommen sind.

Des Weiteren kann auf dieser Ebene Empathie für den Konfliktpartner trainiert werden, indem man versucht, auf die Situation aus der Perspektive der anderen Person zu schauen: Wie könnte die andere Person die Situation erlebt haben? Welche Gefühle könnte sie dabei empfunden haben? Welche Bedürfnisse hat die andere Person versucht sich zu erfüllen?

Dialog: Auf dieser Ebene wird versucht, Konflikte in einem dialogischen Setting zu klären. Typischerweise geschieht das zunächst und insbesondere bei größeren Konflikten unter Begleitung eines Facilitators. Bringen die Konfliktpartner bereits einige Erfahrung in der Klärung von Konflikten mit, können insbesondere kleinere Konfliktthemen immer mehr in Eigenregie geklärt werden.

Teams: Clear The Air bietet eigene Formate, um Konflikte auf Ebene eines Teams (oder generalisiert einer Personengruppe mit viel Kontaktfläche in der alltäglichen, gemeinsamen Arbeit) zu klären. Das können beispielsweise bilaterale Konflikte sein, die in das Team ausstrahlen, und auch Atmosphärisches (Beispiel: Ich habe eine diffuse Wahrnehmung, dass gerade etwas nicht rund läuft im Team, und ich möchte das gerne mit den Teamkolleg:innen ansprechen).

Organisation: Auch auf Ebenen über das Team hinaus, bis hin zur gesamten Organisation bietet Clear The Air Formate, um weit ausstrahlende Konflikte zu klären, und vor allem auch, um regelmäßig die Verbundenheit zwischen den Organisationsmitgliedern zu fördern. Ein Beispiel ist etwa das Format des CTA-Townhall-Meetings: Menschen beispielsweise einer Abteilung oder aus diversen Teams mit Schnittstellen zu einander kommen zusammen, um in unterschiedlichen Sequenzen auf ihre individuellen Beziehungen zu schauen (“Wie geht’s uns gerade miteinander?”), einander Wertschätzung auszudrücken und miteinander Spannungen zu klären (mit dem Fokus auf solche, die eine Bedeutung für gesamte (z.B.) Abteilung haben). 

Stützende Strukturen für Konfliktklärung schaffen

Clear The Air versucht also, stützende Strukturen auf allen Ebenen einer Organisation zu schaffen, um Konflikte regelmäßig besprechbar zu machen und in die Klärung zu bringen. Auf diese Weise wird (über einen strukturellen Zugang) versucht, der eingangs dargestellten Vision Schritt für Schritt näherzukommen.

Das Clear The Air Gesprächsschema

Ein hilfreiches Gesprächsschema

Grundlage der meisten Formate von Clear the Air ist das im Folgenden skizzierte Gesprächsschema für ein Konfliktgespräch. Es geht davon aus, dass zwei Gesprächspartner an diesem Gespräch teilnehmen. Eine Gesprächspartnerin ist dabei zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Rolle des Senderin, der andere in der Rolle des Empfängers:

  • Die Senderin schildert die Spannung bzw. den Konflikt aus ihrer Perspektive, idealerweise entlang der Vierschrittigkeit aus der Gewaltfreien Kommunikation (Was habe ich beobachtet? Welche Gefühle hat das bei mir ausgelöst? Welche Bedürfnisse sind dabei für mich nicht ausreichend erfüllt? Welche Bitte habe ich an den Empfänger?)
  • Der Empfänger hört nur (empathisch) zu. Hat die Senderin die Spannung aus Ihrer Sicht fertig geschildert, spiegelt der Empfänger, was bei ihm angekommen ist, d.h. er fasst dies mit eigenen Worten zusammen.
  • Die Senderin korrigiert bei Bedarf oder ergänzt, was vielleicht noch nicht so gut beim Empfänger angekommen ist.
  • Sobald die Senderin den Eindruck hat, vom Empfänger gut gehört und verstanden worden zu sein, wechseln die beiden die Rollen Sender und Empfänger. Die andere Person ist nun Sender und schildert die Spannung bzw. den Konflikt aus seiner Perspektive; auch in dieser Rollenverteilung findet anschließend die Feedbackschleife durch das Spiegeln statt.
  • Das Wechseln zwischen Sender und Empfänger findet so lange statt, bis sich beide Seiten ausreichend gehört und verstanden fühlen. Idealerweise haben sie sich dabei sogar auf eine neue Strategie zur Erfüllung der Bedürfnisse beider Seiten verständigt.

Die Verantwortlichkeiten des Facilitators in diesem Gespräch sind insbesondere:

  • Darauf achten, dass das Gespräch diesem skizzierten Verlauf folgt (abwechselndes Senden und Empfangen inklusive Spiegeln durch den Empfänger);
  • Darauf achten, dass der Sender sich auf Beobachtbares fokussiert, und insbesondere, dass Abwertungen, Urteile oder Schuldzuweisungen rasch durch seine Intervention in Bedürfnisse “übersetzt” werden.

Dieser Gesprächsablauf bietet diese Vorteile:

  • Die Trennung in Sender und Empfänger führt zu einer starken Verlangsamung des Gesprächs; sie verhindert, dass sich die Gesprächspartner gegenseitig ins Wort fallen und sich das Gespräch zusehends beschleunigt und aufschaukelt.
  • Weiters unterstützt diese Trennung die beiden Gesprächspartner dabei, dem jeweils anderen fokussiert zuzuhören. Es ist nicht notwendig, bereits gedanklich an den eigenen Aussagen zu feilen, weil man alle Zeit der Welt hat, um in Ruhe zuzuhören.
  • Das Spiegeln ist eine schnelle Feedbackschleife, die es erlaubt zu prüfen, was bei der anderen Person vom Gesagten tatsächlich angekommen und gelandet ist. Das hilft, kommunikative Missverständnisse schnell zu beseitigen, die in emotional aufgeladenen Situationen noch leichter entstehen.

Warum finde ich diesen Ansatz so wertvoll?

Bei Transferio begleiten wir ja besonders gerne Organisationen, in denen Selbstorganisation, geteilte Verantwortung und eigenständiges Handeln aller Mitarbeiter:innen als wichtige Prinzipien geschätzt und gelebt werden.

Wir sehen es insbesondere für solche Organisationen als essentiell an, dass das Ansprechen und Klären von Konflikten als eine Basiskompetenz von allen Mitarbeitenden (und nicht bloß von Führungskräften) angesehen und somit entsprechend entwickelt wird.

Clear The Air mit seinen Ansätzen erscheint mir dafür als nahezu idealer Zugang: Er bietet zunächst eine Fülle von niederschwelligen Formaten, um die Mitarbeitenden mit der grundlegenden Herangehensweise der Gewaltfreien Kommunikation vertraut zu machen und ihnen ein laufendes Üben in Eigenregie zu ermöglichen (vergleiche Ansätze auf Ebene des Individuums weiter oben).

Gleichzeitig verankert es Umsetzungsformate auf unterschiedlichen Ebenen der Organisation; durch diese stützende Strukturen kommen alle Organisationsmitglieder regelmäßig mit der Klärung von Konflikten in Berührung – sei es direkt involviert als Konfliktbeteiligte oder über manche Formate indirekt als Zeugen einer Konfliktklärung in einem größeren Rahmen. Damit machen alle mit der Zeit positive Lernerfahrungen, und die Scheu vor der Klärung von Konflikten sinkt stetig.

Clear The Air Workshop

Wie könnte eine Organisation mit CTA starten?

Clear The Air kann man – aus der Perspektive von Organisationsentwicklung betrachtet – als einen Ansatz zur Kulturtransformation betrachten. Es geht letztendlich darum, in der Kultur der Organisation zu verankern, dass Konflikte etwas Natürliches sind und die Chance bieten, dass alle Beteiligten an einer produktiven Klärung wachsen, sei es als Menschen, sei es als Team, sei es als gesamte Organisation.

Aus diesem Grund präferiere ich ganz klar einen empirischen Ansatz zum Aufbau eines Konfliktklärungssystems nach dem Clear The Air Ansatz: Interessierte in der Organisation gewinnen, mit ihnen erste kleine Organisationsexperimente machen, beobachten und prüfen, was in der Organisation fruchtet und was weniger, daraus die nächsten Schritte ableiten und weitere Organisationsexperimente durchführen.

Beispielhafte erste Schritte

Ein beispielhaftes Set erster Schritte könnte etwa sein:

  • Ein Clear The Air Einführungsworkshop mit freiwilliger Teilnahme von Interessierten aus der Organisation. Darin lernen diese First Mover den Ansatz an Hand vieler konkreter Übungen kennen, mit Hilfe derer sie dann auch gleich in ihrem Alltag weiter üben können. Idealerweise sind da einige Personen dabei, die miteinander starke Berührungspunkte im Alltag haben, beispielsweise ein Projekt- oder Linienteam oder ein Kreis.
  • Ein extern moderiertes Clear The Air Teammeeting mit einem Team oder Kreis, das zum überwiegenden Teil den Clear The Air Einführungsworkshop besucht hat. Mit dessen Hilfe vertiefen die Teilnehmer:innen die Gesprächsstruktur von Clear The Air und erproben, welche Vorteile es hat, an der Klärung eines Konflikts im Team in einer beobachtenden Rolle teilzuhaben.
  • Ein Zeitkontingent für die externe Begleitung von fallbezogenen Clear The Air Sessions, z.B. für vorhandene bilaterale Konflikte oder für weitere Clear The Air Teammeetings.

Transformationsteam

Eine hilfreiche Metastruktur für diese empirische Einführung von Clear The Air ist die Etablierung eines Transformationsteams. Das ist eine Gruppe von 5-7 Personen, welche die Organisation gut repräsentieren, und die diese ersten Experimente gemeinsam mit der externen Begleitung definieren, umsetzen und hinsichtlich der Auswirkungen untersuchen.

Clear The Air Zertifikat Gregor

Die Rolle von Transferio

Bernhard und Gregor beschäftigen sich schon seit mehr als drei Jahren mit diesem Ansatz und verwenden regelmäßig Elemente daraus in ihren Trainings und bei Interventionen in der Transformationsbegleitung.

Gregor hat nun noch eins draufgesetzt und eine mehr als einjährige Ausbildung zum Clear The Air Facilitator absolviert. Als solcher kann er die oben skizzierte Rolle eines externen Begleiters bei der Einführung des Clear The Air Ansatzes sehr gut wahrnehmen.

Wenn Du Interesse am Thema und / oder weitere Fragen zu diesem Ansatz hast, freue ich mich, von dir zu hören!

1 Kommentar

  1. Rainer

    Danke lieber Gregor für diese klare wertvolle Darstellung des Clear the Air Ansatzes. Ich durfte erleben, dass über diese Methode (endlich mal wieder) tiefe Gespräche entstehen, die zu Verbundenheit, Verständnis für den Anderen führen und daraus resultierend eine enorme positive Wirkung auf die geschäftliche Zusammenarbeit und letztendlich auch den Outcome haben.

    Antworten

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