Coaching-Stil abhängig vom Lernniveau des Teams

Unlängst habe ich mich mit einem guten Freund darüber unterhalten, wie ich meinen Coaching-Stil als agiler Coach definiere. Und dabei hat er mir folgende Frage gestellt: „Bist Du als Agiler Coach eher ein Hardliner oder ein Pragmatiker?“

Die Frage hat mich zum Nachdenken gebracht, ich konnte sie ihm nicht unmittelbar beantworten. Beim Nachdenken ist mir eine Textpassage eingefallen, die ich einmal im Buch Coaching Agile Teams von Lyssa Adkins im Kapitel Let Your Style Change gelesen habe. Es ging dabei um unterschiedliche Stile des Coachings, abhängig vom Lern-Level der Team-Mitglieder bzw. des Teams.

Shu-ha-ri

Lyssa bezog sich in Ihren Ausführungen auf das Konzept Shu-ha-ri, das aus der japanischen Kampfkunst stammt und drei Stufen für das Leistungsniveau eines Schülers kennt:

Das Konzept Shu-Ha-Ri
  • Shu: Der Schüler lernt die Basistechniken genau nach den Instruktionen seines Meisters, ohne allzu viele Fragen nach den Hintergründen zu stellen. Gibt es mehrere Arten, eine bestimmte Bewegung auszuführen, wendet er genau jene an, die ihm sein Meister gelehrt hat. Folge der Regel.
  • Ha: Der Schüler hat sich nun das Basiswissen in seiner Disziplin angeeignet, und beginnt sich für die Hintergründe und Prinzipien der erlernten Techniken zu interessieren. Er reflektiert sein Tun und beginnt mit Alternativen zu experimentieren. Dabei hält er jedoch stets die Prinzipien hoch, die hinter den einzelnen Techniken stehen. Brich die Regel.
  • Ri: Die Bewegungen sind dem Schüler in Fleisch und Blut übergegangen. Es gibt keine Techniken mehr, alle Bewegungen erscheinen ganz natürlich. Der Schüler lernt nun eher durch Selbstfindung denn durch Anleitung seines Meisters. Schüler und Meister sind einander ebenbürtig; Ri sollte darin resultieren, dass der Schüler seinen Meister überflügelt. Davon profitiert die Kampfkunst als Ganzes. Sei die Regel.

Coaching-Stile

Abhängig vom Niveau, auf dem sich die Teammitglieder bzw. das Team als Ganzes in Bezug auf das Erlernen von Agilen Methoden und Praktiken gerade befinden, soll nun auch der Agile Coach situativ unterschiedliche Stile pflegen:

  • Lehren: Als Agiler Coach vermittle ich dem Team die grundsätzlichen Regeln und Praktiken. Das Team soll in dieser Phase versuchen, die Mechaniken zu erlernen und zu festigen. Es geht noch nicht darum, die Prinzipien und Hintergründe hinter den Mechaniken zu durchschauen. Das Üben der Mechaniken ist zunächst komplex genug.
  • Beraten1: Das Team hält sich an die Regeln und geht nun dazu über, die dahinterstehenden Prinzipen der Agilität zu erkennen und für sich zu erschließen. Im Zuge dessen kann es durchaus vorkommen, dass das Team Regeln verändert oder durch andere ersetzt, welche die grundlegenden Prinzipien genauso gut (oder für genau diese Team besser) zum Ausdruck bringt. Der Agile Coach gibt dem Team auf diesem Niveau Anregungen aus seiner Erfahrung, oder hilft dem Team beim Erkennen der Prinzipien hinter den Regeln und Mechaniken.
  • Coachen1: Das Team hat die Praktiken, Prinzipien und Werte agilen Vorgehens verinnerlicht. Im Laufe der Zeit wird es immer wieder vorkommen, dass das Team neue Regeln aufstellt, oder bestehende Regeln abändert oder verwirft; dieser Vorgang wird im Sinne von Inspect And Adapt von allen als ganz natürlich empfunden. Die wichtigste Aufgabe des Coaches ist es auf diesem Niveau, das Team ziehen und seinen eigenen Weg gehen zu lassen. Er sollte danach trachten, sich überflüssig zu machen. Bei Bedarf steht er dem Team für Gespräche zur Verfügung. Er agiert dabei ganz im Sinne des Coaching-Leitgedanken Hilfe zur Selbsthilfe: Das Team ist selbst Experte für seine Probleme und kann die Lösung selbst entwickeln. Der Coach zeigt lediglich andere Sichten auf, bietet Beobachtungen an, hilft dem Team die Scheuklappen abzulegen.

Zurück zur Eingangsfrage

Bin ich nun also Pragmatiker oder Hardliner? Die Begriffe selbst gefallen mir nicht besonders, aber im Sinne der oben aufgezeigten Stile eines Agilen Coaches finde ich trotzdem eine Antwort: Es kommt ganz darauf an:

Begleite ich ein neues Team, das noch keine oder wenig Erfahrung mit Agilität hat, lege ich großen Wert darauf, dass das Team das gewählte agile Vorgehen, meist Scrum, auch wirklich by the book lebt; das Team ist in dieser Phase noch nicht reif dazu, Regeln und Praktiken zu hinterfragen und abzuändern. Zu groß ist dabei die Gefahr, das Vorgehen an den Status Quo anzupassen, um möglichst nicht die Komfortzone verlassen zu müssen. In diesem Fall bin ich wohl Hardliner.

Stehe ich einem Team zur Seite, das schon viel Erfahrung mit agilem Vorgehen gesammelt hat, gebe ich dem Team den Freiraum, sich mit den Prinzipien auseinanderzusetzen, die hinter den einzelnen Regeln des Vorgehens stehen. So hat es dann selbst die Möglichkeit zu entscheiden, ob eine bestimmte Regel für seinen Kontext die beste Art ist, das dahinter stehende Prinzip auszudrücken, oder ob es eine bessere findet. In diesem Fall verhalte ich mich wie ein Pragmatiker.

 


[1] Im Text von Lyssa Adkins werden die beiden Begriffe genau umgekehrt verwendet: Für den beratenden Stil verwendet sie den Begriff Coaching, für den Coaching-orientierten Ansatz Advising. Ich halte die Begriffe im Original für unglücklich gewählt und vertausche sie in der Übersetzung ganz bewusst, da sie nur dann für mich Sinn ergeben.

0 Kommentare

Hinterlasse Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*