Partizipative Wahl eines Projektteams

Ich begleite mit zwei Kolleg:innen pro bono eine Grazer Volksschule bei ihrer Schulentwicklung. Die Zusammenstellung des Projektteams für das aktuelle Entwicklungsthema sollte dabei partizipativ durch das gesamte Kollegium erfolgen. Dafür haben wir ein Verfahren designt, das Aspekte aus der Soziokratischen Wahl, der Entscheidung aus der Mitte und der Fishbowl miteinander kombiniert. In diesem Artikel stelle ich dieses Verfahren vor.

Transferio Partizipative Wahl eines Projektteams

Ausgangssituation

Das Kollegium der Volksschule umfasst 20 Mitglieder. Aus dem Kreis dieser Personen sollte ein Projektteam von 5-6 Personen zusammengestellt werden. Der übliche Weg wäre gewesen, dass der Schulleiter nach Konsultation einiger Kolleg:innen die aus seiner Sicht am besten geeigneten Personen benennt.

Eines der Ziele der Schulentwicklung ist es, das Kollegium zum aktiven Mitwirken an der Weiterentwicklung der Schule zu ermutigen und befähigen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Die Besetzung des Projektteams wollten wir deshalb als Lerngelegenheit dafür nutzen, wie die Schule vom üblichen Muster »Schulleiter entscheidet« wegkommen kann.

Im Kollegium gibt es bis jetzt wenig Erfahrung im Umgang mit gemeinsamer Schulentwicklung und insbesondere auch mit gemeinsam zu treffenden Entscheidungen. Es gibt dann Blicke hin zum Schulleiter – es sei seine Aufgabe, solche Entscheidungen zu treffen.

Zielsetzung

Wir sind daher mit folgenden Zielsetzungen an die Entwicklung eines Verfahrens zur Auswahl der Personen des Projektteams herangegangen:

  • Angebot des Schulleiters an das Kollegium, die Verantwortung für die Auswahl zu übernehmen;
  • Entscheidung der Auswahl durch das gesamte Kollegium ermöglichen;
  • Kennenlernen von Wahlverfahren abseits der bekannten demokratischen Mehrheitsentscheidung;
  • Sichtbar und spürbar machen, was es bedeutet, aus der Weisheit der Vielen zu schöpfen;
  • Verfahren schaffen, das sich online und in vertretbarer Zeit anwenden lässt.

Überlegungen zum Design

Die Soziokratische Wahl kam uns schnell in den Sinn, weil sie aus der Weisheit der Vielen schöpft, in dem in einem dialogischen Prozess die Beweggründe für Wahlnominierungen und und Wahlentscheidungen sichtbar gemacht werden.

Allerdings zielt die Soziokratische Wahl auf eine einzelne Person ab. Für uns war jedoch wichtig, das Projektteam in seiner Gesamtzusammensetzung zu betrachten, also ein Gremium in einem einzigen Wahlprozess zu finden.

Eine der begleitenden Kolleg:innen und ich kannten aus einer Ausbildung zum kollegial geführten Unternehmen von Bernd Oesterreich und Claudia Schröder das Verfahren »Entscheidung aus der Mitte«. Ich stellte die Frage, ob man die Soziokratische Wahl mit der Entscheidung aus der Mitte nicht kombinieren könnte, um das Projektteam zusammenzustellen.

Entscheidung aus der Mitte

Die Entscheidung aus der Mitte wird dazu verwendet, um aus einer Gruppe von Menschen eine Person zu wählen, die für die Gruppe eine anlassbezogene Entscheidung trifft.

Dazu wird zunächst die Frage gestellt, welche Personen aus der Gruppe für das Treffen der Entscheidung geeignet sein könnten. Es ist dabei möglich, dass jemand sich selbst nominiert oder auch eine andere Person vorschlägt.

Alle nominierten Personen treten daraufhin in die Mitte (daher der Name dieses Verfahrens) und machen sich nun untereinander aus, wer aus der Mitte tatsächlich die Entscheidung für die Gesamtgruppe treffen soll.

Die aus der Mitte bestimmte Person trifft dann die Entscheidung für die Gesamtgruppe. Dabei ist es möglich, dass die Gesamtgruppe dieser Person Rahmenbedingungen für die Entscheidung setzt, beispielsweise vor der Entscheidung alle betroffenen Personen zu konsultieren.

Manuela griff den Impuls auf und so kam dann ganz schnell ein Entwurf heraus, zu dem alle drei beteiligten Berater:innen gutes Zutrauen hatten, dass er in der Praxis funktionieren wird:

Das Verfahren zur Wahl des Gremiums

Schritt 1

Jedes Mitglied des Kollegiums (20 Personen) nominiert drei Personen, die es für die Arbeit im Projektteam besonders geeignet erachtet. Es nennt dabei für jede Person die Gründe der Nominierung, sodass diese Gründe alle anderen Mitglieder hören.

Die begleitenden Berater visualisieren die Anzahl der Nominierungen, die jede Person hält und notieren, auch für alle sichtbar, stichwortartig die erwähnten Gründe für die Nominierungen.

Schritt 2

Alle Personen, die zumindest eine Nominierung erhalten haben, treten nun in die Mitte, um aus ihrem Kreis jene Personen vorzuschlagen, die dann tatsächlich das Projektteam bilden sollen.

Der Dialog, den die Personen in der Mitte zum Treffen ihrer Auswahlentscheidung führen, ist öffentlich, d.h. alle Mitglieder des Kollegiums können diesen Dialog verfolgen. Dazu wird das Setting einer Fishbowl verwendet, d.h. die Personen in der Mitte sitzen in einem Innenkreis, der von einem Außenkreis eingeschlossen wird, in dem alle übrigen Mitglieder des Kollegiums sitzen und beobachten.

Schritt 3

Der auf diesem Weg über eine Entscheidung aus der Mitte erstellte Vorschlag für das Projektteam wird vom gesamten Kollegium per Konsent entschieden. Damit wird sichergestellt, dass wirklich das gesamte Kollegium den Vorschlag mitträgt.

Konsent

Beim Konsent wird geprüft, wie groß der Widerstand jedes Einzelnen einer Gruppe zu einem bestimmten Vorschlag ist, den ein Vorschlaggeber vorstellt.

Jeder Einzelne hat die Möglichkeit, den Widerstand mittels drei möglichen Werten zu signalisieren: »Kein Einwand« (der Vorschlag geht für mich in Ordnung), »Leichter Einwand« (ich trage den Vorschlag mit, möchte jedoch mit meinen Bedenken von der Gruppe gehört werden) und »Schwerwiegender Einwand« (ich trage den Vorschlag nicht mit und möchte meine Bedenken in einen besseren Vorschlag integrieren).

Alle Mitglieder der Gruppe signalisieren gleichzeitig den von Ihnen gewählten Wert, um sozialen Einfluss zu vermeiden.

Gibt es ausschließlich die Signale »Kein Einwand« bzw. »Leichter Einwand«, gilt der Vorschlag als angenommen; jene Personen, die »Leichter Einwand« signalisiert haben, sprechen abschließend vor der Gruppe ihre Bedenken aus. Das ändert jedoch nichts am Umstand, dass der Vorschlag als angenommen gilt.

Gibt es auch Signale »Schwerwiegender Einwand«, sprechen die Einwandgeber der Reihe nach Ihre Bedenken aus und versuchen zusammen mit dem Vorschlaggeber den Vorschlag so abzuändern, dass den Bedenken ausreichend Rechnung getragen wird. Danach wird der Vorschlag noch einmal im Konsent abgestimmt.

Dieses Prozedere wird so lange wiederholt, bis keine Signale »Schwerwiegender Einwand« mehr vorliegen.

Wichtig dabei ist die Grundhaltung, das Signal »Schwerwiegender Einwand« nicht als etwas zu sehen, dass es zu vermeiden gilt, sondern als Indiz dafür, dass die einwandgebende Person wichtige Informationen hat, die nicht alle in der Gruppe kennen und deshalb mit ihr teilen möchte.

Verlauf in der Praxis

Bevor die Mitglieder des Kollegiums aufgerufen waren, ihre jeweils drei Nominierungen vorzunehmen, haben wir Ihnen einige beispielhafte Erwägungsgründe für die Auswahl mitgegeben, etwa

  • Diversität: Alter, Zugehörigkeitsdauer, Geschlecht, Arbeitserfahrung, …
  • Einbringen unterschiedlicher Perspektiven: Eltern, Schüler:innen, Lehrer:innen, Rahmen, Schulgesetz, …
  • Kompetenzen: Organisation, Pädagogik, Moderation, Struktur, …

In Schritt 1 erhielten von den 20 Mitgliedern des Kollegiums 12 Personen zumindest eine Nominierung. Bereits dabei wurde durch die geäußerten Begründungen für die Nominierungen die Weisheit der Vielen sichtbar. Es zeigte sich eine Menge von wichtigen Erwägungsgründen für die Besetzung des Projektteams.

In Schritt 2 hat es ein wenig gedauert, bis die 12 Personen in der Mitte tatsächlich in ein gutes Gespräch gekommen sind. Dann jedoch sind ein paar sehr schöne Dinge geschehen:

  • Es kam zu einer aufrichtigen Diskussion über die Vor- und Nachteile, wenn der Schulleiter Teil des Projektteams werden würde. Am Ende der Diskussion stand die Entscheidung, dass der Schulleiter bewusst nicht dabei sein würde, um es leichter zu machen, dass andere Personen aus dem Kollegium stärker gestaltend wirken können.
  • Es gab kein Gezerre, dass einzelne Personen unbedingt dabei sein wollten. Vielmehr wurde sehr stark gemeinsam darauf geachtet, große Diversität und möglichst viele der antizipierten notwendigen Kompetenzen in das Projektteam zu bringen.
  • Am Ende einer etwa 30-minütigen Gesprächsphase verständigten sich die 12 Personen in der Mitte auf einen Vorschlag von 6 Personen für das Projektteam.

Im abschließenden Schritt 3, der Konsent-Entscheidung des gesamten Kollegiums über den Vorschlag aus der Mitte gab es keine schwerwiegenden Einwände und zwei leichte Einwände. Die beiden Kolleg:innen bekamen die Gelegenheit, ihre Bedenken mit dem Kollegium zu teilen. Damit war die Wahl abgeschlossen.

Fazit

Unser Design für die partizipative Wahl eines Gremiums durch Kombination von Elementen aus der Soziokratischen Wahl, der Entscheidung aus der Mitte und dem Gesprächsformat einer Fishbowl hat sich im ersten Praxistest bewährt.

Die zentralen Hypothesen, die wir während des Designs gebildet hatten, konnten wir im Praxistest verifizieren:

  • Die Weisheit der Vielen wird sichtbar durch das Dialogische, das Teil der Soziokratischen Wahl, der Fishbowl-Gespräche “aus der Mitte” und der abschließenden Konsent-Entscheidung ist.
  • Ein partizipativer Entscheidungsprozess ist nicht quälend und langsam. Ganz im Gegenteil: Gut designt dauert die Entscheidung nicht länger und hat gleichzeitig den Vorteil, dass die Entscheidung tatsächlich von allen mitgetragen wird.
  • Es ist sinnvoll, die Besetzung eines Gremiums durch eine Gesamtwahl vorzunehmen und nicht durch eine Serie von Einzelwahlen. Denn nur so kommt es in den dabei notwendigen Gesprächen zur Erwägung einer guten Gesamtbesetzung des Gremiums (Diversität, Perspektiven, Kompetenzen).

Schlussbemerkung

Ich bedanke mich sehr herzlich bei meinen Kolleg:innen Manuela Grundner und Manuel Grassler für die feine Co-Kreation des Designs und der Moderation in der von uns begleiteten Schule.

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